Der Abend senkte sich über Hederahausen wie ein weiches Tuch. Zwischen den Gärten glomm das letzte Sonnenlicht, und der Eisrinn murmelte leise, als würde er sich auf die Nacht vorbereiten.
Theo saß auf seiner neuen Gartenbank, den Efeu frisch gepflanzt, die Hände noch erdig. Er hatte Ivy eingeladen, weil er wissen wollte, was man in diesem Ort wissen musste – nicht das Offensichtliche, sondern das, was man nur erfährt, wenn man lange genug bleibt.
Ivy kam mit einer Tasse dampfendem Tee und setzte sich neben ihn. Sie sah nicht auf den Garten, sondern in ihn hinein.
„Du hast Schnecken“, sagte sie schließlich.
Theo verzog das Gesicht. „Leider.“
„Glückwunsch“, sagte Ivy trocken.
Er blinzelte. „Wie bitte?“
Sie hob die Tasse, als würde sie auf etwas anstoßen. „Schnecken sind das erste Zeichen, dass ein Garten dich akzeptiert.“
Theo lachte unsicher. „Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch“, sagte Ivy. „Und ich sage dir auch warum.“
Sie beugte sich vor, als würde sie ein Geheimnis teilen, das man nicht laut aussprechen durfte.
„Glühwürmchen kommen nur in Gärten, in denen Schnecken leben.“
Theo sah sie an, als hätte sie gerade behauptet, der Mond sei aus Moos.
„Ihre Larven fressen Schnecken“, erklärte Ivy. „Sie brauchen sie. Ohne Schnecken keine Larven. Ohne Larven keine Lichter.“
Sie deutete auf die dunkler werdende Wiese.
„Und Blindschleichen? Die kommen wegen der Schnecken. Sie sind ihre Leibspeise. Wenn du also eines Tages eine Blindschleiche in deinem Kompost findest – dann weißt du, dass dein Garten vollständig ist.“
Theo sah auf die feuchten Stellen im Beet, wo sich die ersten Schnecken zeigten.
„Also… ich soll mich freuen?“
„Natürlich“, sagte Ivy. „Ein Garten ohne Schnecken ist ein Garten ohne Nachtleben.“
Sie nahm einen Schluck Tee.
„Weißt du, früher wussten die Leute das. Meine Großmutter sagte immer: Wo Schleim wohnt, kommt auch Licht. Sie meinte damit: Wenn du Glühwürmchen willst, musst du die Schnecken dulden.“
Theo schwieg. Die Luft wurde dunkler. Ein Vogel rief. Der Eisrinn glitzerte.
Und dann – ganz leise – stieg ein winziger Funke aus dem Gras auf.
Ein Glühwürmchen. Dann ein zweites. Dann drei.
Theo hielt den Atem an.
„Siehst du?“, sagte Ivy sanft. „Dein Garten hat dich angenommen.“
Die kleinen Lichter schwebten über dem Boden, als würden sie den neuen Bewohner begrüßen.
Theo lächelte. Nicht wegen der Glühwürmchen. Nicht wegen der Schnecken. Sondern wegen des Gefühls, das sich in ihm ausbreitete:
Er war angekommen.

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