Eine Geschichte aus Hederahausen
In der Kastanienstraße machte sich Diana auf den Weg in ihren Garten. Sie hatte nicht nur in der Baumschule gelernt, dass regelmäßige Winterkontrolle wichtig ist. Auch die Lehrbücher, ihre Gärtnereikollegen und besonders die eigenen Erfahrungen zu Hause wie auch auf der Arbeit hatten sie gelehrt, Vorsicht vor Nachsicht zu leben.

Ein letzter Blick aus dem Fenster: welche Jacke sie bei dem Wetter brauchte. Rost? Was war das? Irgendetwas an ihrer Gartenmauer fing ihren Blick. Sie merkte sich die Beobachtung und machte sich, bewaffnet mit Schaufel, Rechen, einer Rolle Naturstrick und einem Arm voll Gartenvlies, auf den Weg.
Mit der Gewohnheit, genau hinzuschauen, prüfte Diana den korrekten Sitz des Winterschutzes an ihren Kübelpflanzen. War das Abzugsloch weiterhin offen, schon zugefroren oder anders verstopft? Saß das Winterschutzvlies noch zuverlässig und festgebunden an den Kübelrändern? War die Mulchschicht noch saftig und dick genug? Diana rüttelte Töpfe, fühlte nach der Feuchtigkeit der Erde und schnupperte an der Substratoberfläche. Sie genoss den leisen Duft, der selbst jetzt im Winter von Rosmarin, Thymian und Salbei aufstieg. Kein Schimmel, keine Staunässe, und die Hauben aus Vlies saßen ebenso fest wie die Fließschichten, mit denen sie die Kübel umwickelt hatte, um Wintersonne und Winterwinde zu hemmen.
Zwischendurch ließ sie den Blick über ihren restlichen Garten schweifen. Da war wieder dieser Rostfleck auf ihrer Mauer. Den würde sie sich aber erst am Ende ihrer Winterrunde näher ansehen. Also bewegte Diana sich durch ihren Garten und prüfte auch in den Beeten ihre Winterschutzmaßnahmen: die Obstgehölze, die Ziersträucher und die Staudenbeete, die mit Frostglitzer überzogen ein wenig Leichtigkeit in die Strenge des Winters brachten. Alles war, wie es sein sollte: gut gemulcht, sauber eingepackt und nicht zu trocken an den Wurzeln; bereit, im Frühling eine neue Gartensaison zu starten.
Als der Rundgang dem Ende entgegen ging, erfasste Diana den Rostgegenstand auf ihrer Mauer mit festem Blick. Langsam und bedächtig bewegte sie sich auf die Stelle zu, wohl darauf bedacht, keine Pflanzen zu streifen, um die gefrorenen Triebe nicht zu schädigen. Je näher sie kam, desto mehr gewann der Rostfleck an Dimension. Es war definitiv nicht nur ein Fleck, sondern vielmehr eine dicke, runde Scheibe. Hatte ihr einer der Nachbarn eine Freude bereiten wollen und ihr eine Cortenstahl‑Deko auf die Mauer gestellt? Aber eigentlich kannten die Nachbarn ihre Einstellung zu Stahl im Garten doch längst besser.
Und siehe da: Als Diana endlich nahe genug war, dass ihre Augen mehr sahen als nur Interpretationen, erkannte sie es — eine rostrote Katze, mit all den Nuancen an Kupfer-, Rost‑ und Brauntönen, die man von Cortenstahl kennt. Das Fell schimmerte und glänzte nun in den Sonnenstrahlen, wie es Cortenstahl selbst nicht konnte.
Als Diana nah an dem Tier angelangt war, öffnete es eines seiner Augen und prüfte den Menschen vor sich mit der Gelassenheit eines Wesens, das in seinem Leben schon sehr viele Gärten samt ihrer Gärtner gesehen hatte, und streckte sich. Gerade als das Tier seinen Katzenbuckel in die Höhe schob, sah Diana an der Stelle, an der die Katze gerade noch mit ihrem weichen Bauch gelegen hatte, ein kleines Pflänzchen liegen. Die Katze folgte Dianas Blick, sah das Pflänzchen an und dann wieder in Dianas Augen.
Einem inneren Drang folgend streckte Diana langsam ihre Hand aus und bot sie der Katze zum Beschnuppern an. Das Angebot wurde angenommen; die Hand wurde beschnuppert und ein tiefes, monotones Vibrieren war zu hören.
Wieder blickte die Katze von der Pflanze zu Diana, als wollte sie dem Menschen etwas mitteilen. „Soll ich mich darum kümmern?“ fragte Diana mit sanfter Stimme und bewegte ihre Hand zum Pflänzchen. Daraufhin sprang die Katze von der Mauer und begann an einer frostfreien Stelle des Vorgartens zu scharren. Nachdem Diana erkannte, dass das Pflänzchen wohl ein ausgegrabener Wurzeltrieb einer Katzenminze war, besah sie sich das Tun der Katze und dachte mit einem leichten Schulterzucken: „Warum nicht.“ Sie hatte ja ohnehin ihre Schaufel für die Winterrunde dabei. Also begann sie, ein Pflanzloch zu graben. Der Boden hier war steinig, mit gutem Sand‑Humus‑Anteil — also perfekt für eine Katzenminze. So gab sie das zarte Pflänzchen in das Loch, drückte die Erde um die verletzliche Wurzel an und holte eine Gießkanne, um das Werk zu vollenden. Selbst als sie mit der Kanne voll Wasser wiederkam, saß das rostige Tier noch neben dem Neuankömmling im Beet, als würde es Wache halten.
Während Diana vorsichtig Wasser in das Pflanzloch rinnen ließ, wurde sie von der Katze an den Beinen gestreift und das tiefe Brummen wurde zu einem unverkennbaren, lauten Schnurren.

Diana stellte die Gießkanne ab, besah sich die neuen Lebewesen in ihrem Garten und sagte zu der Katze: „Na gut, ihr dürft gerne beide bleiben. Und dich nenne ich Corten, und du wirst der einzige Edelrost, der in meinem Garten bleiben darf.“

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