Der Neue im Ort
Theo ist neu in Hederahausen am Eisrinn. Gerade hat er sein eigenes Haus mit großzügigem Garten bezogen. Am nächsten Morgen klingelt es an seiner Haustür – die nette ältere Dame von gegenüber, die er bereits beim Kartonschleppen während seines Einzugs von Weitem gesehen hatte. Mit einem freundlichen Lächeln überreicht die Dame einen jungen Efeusprössling und stellt sich als „Ivy“ vor. Sie erklärt ihm, dass der Efeu in Hederahausen eine lange Tradition hat, und jeder Garten im Ort wenigstens ein Exemplar dieser Pflanzengattung beherbergt. Theo freut sich über diese Geste und bittet Ivy auf einen Kaffee ins Haus. Sie lassen sich zwischen noch nicht ausgepackten Umzugskartons nieder und Ivy erzählt Theo die Geschichte über die Gründung von Hederahausen.
Der Gründungsmythos:
Der Eisrinn kam aus den Bergen und arbeitete langsam und beständig. Jahr um Jahr legte sein Wasser feine Mineralien, die es aus den Bergen ausgespült hat in die Mulden des Tales, schob Erde an neue Stellen und webte so aus flachen Senken saftige Auen. Das Tal atmete leise: Wasser, Wind, Vogelruf. Es war ein Ort der wuchs, ohne dass ein Mensch davon Notiz genommen hätte.

Als der Schnee im späten Frühjahr auf den Berggipfeln schmolz, trat der Eisrinn über seine Ufer und überspülte die Auen mit kaltem, mineralreichem, klarem Wasser.
Zu dieser Zeit entlief Heidrun ihrer Herde im Nachbartal. Sie war hochträchtig. Dennoch sprang Heidrun entschlossen über den Zaun und watete durch die seichten Fluten bis sie im Tal des Eisrinn auf einer saftigen, grünen Wiese zu stehen kam und beschloss hier zu bleiben. Tage vergingen; Heidruns Hirte suchte und rief bis er sie fand: allein, ruhig, mit festem Blick auf das saftige Gras zu ihren Hufen. Doch was er auch tat, das Tier bewegte sich nicht von der Stelle, und so entschied der Hirte sein Nachtlager neben seiner Ziege zu errichten.
Am nächsten Morgen, als der Hirte erwachte, hatte Heidrun ihr Kitz zur Welt gebracht – gerade als hätte sie selbst Ort und Zeit als Symbol gewählt. Das Kitz war kräftig und gesund, wie man es bisher im ganzen Land nicht gekannt hatte.
Der Hirte betrachtete sich seine Tiere, ließ seinen Blick über die Auwiesen schweifen, blickte hoch zu den Berggipfeln und entschied, dass auch er nun hier bleiben würde. So errichtete er sich ein kleines Häuschen am Rande der Flutzone mit einem Stall für seine Ziegen und einem Türbogen am Eingang seines kleinen Gartens. An diesen Bogen pflanzte er Efeu – ein Symbol für die unermüdliche grüne Kraft, die in diesem Tal waltet.
Nach einiger Zeit kam eine Familie ins Tal und ließ sich ebenfalls mit respektvollem Abstand zum Eisrinn dort nieder. Es folgten Handwerker, die ein kleines Wehr im Eisrinn errichteten, um besser Wasser schöpfen zu können. Gärtner, die den Boden oberhalb der Auen kultivierten. Und Bauern, die ihre Tiere auf den saftigen Wiesen weideten. Jeder von ihnen pflanzte einen Efeu vor sein Haus – eine kleine Anerkennung an die ewig währenden Kreisläufe dieses Tals, die ihnen das ruhige und gesunde Leben dort ermöglichten.

„Und nun, lieber Theo, weißt du auch, wo du deinen Efeu am besten pflanzt.“ Mit diesem Satz und einem verschmitzten Zwinkern schloss Ivy ihre Erzählung über die Entstehung von:


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