Vom Küchenschrank aus bot das Wohnzimmer einen weiten Blick auf den üppig bewachsenen Balkon, so weit, dass man sogar die Spitze der großen Scheinzypresse im Nachbargarten sehen konnte. Es war sein Reich, und er fühlte sich wohl. Weil es ihm in seinem Topf an nichts fehlte, streckte er sich. Er streckte sich immer weiter und fand mit seinen Armen die Kante des Küchenschranks, auf dem er lebte. Sein Entdeckerdrang ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, und er erkundete den Abgrund; seine Arme wuchsen immer weiter hinunter. Denn dort unten, das wusste er tief in seinem Innern, war ein Freund. Da stand ein Benjamini, den er von oben gerade so auf den Kopf blicken konnte.
Leise und unbemerkt näherte sich Micans seinem Ziel. Irgendwann war es so weit: Er konnte nicht nur die glatte Wand des Küchenschranks an seinen Armen fühlen, sondern auch die Nähe zu seinem Benjamini spüren. Und plötzlich war da Substrat unter ihm – und wie lecker es war. Er kannte dieses Substrat; es war seinem sehr ähnlich, nur mit etwas mehr Blähton als in seinem eigenen Topf. Das störte ihn nicht. Ganz im Gegenteil: Der Benjamini, der schon lange in diesem Substrat lebte, hatte ihm etwas von dessen Essen aufgehoben. Es gab ein Buffet, das einem weitgereisten Micans nur gelegen kam. Und weil der Benjamini nichts dagegen hatte, schlug Micans neue Wurzeln. Er verwob sich mit den Wurzeln des Benjamini und teilte sich fair, was an Wasser und Nährstoffen von der gießenden Hand dargereicht wurde.
Mit neuem Stand unter den Armen wurde Micans noch unternehmungslustiger. Er mochte seinen Benjamini‑Freund und wollte ihm nicht nur mit den Wurzeln nahe sein. Nein, ganz im Gegenteil: Er wollte sich anschmiegen und so viel Kontakt zu seinem Freund haben, wie es ihm nur möglich war. So machte sich Micans wieder auf die Reise und stieg an seinem Freund empor. Zunächst noch schüchtern und ungeübt, hatte er mit der Zeit jedoch den Dreh raus und wusste, an welcher Astgabel des Benjamini es sich lohnte, eine Schwenkbewegung zu machen, um sich auf dessen Kraft zu stützen und von dort aus die nächste Etage seines Wegbegleiters zu erobern. Und so kam es, dass die beiden immer enger miteinander verwachsen und verbunden waren.

Dann kam eine große Veränderung auf sie zu. Micans und Benjamini sahen zu, wie Schränke geöffnet und Inhalte in große Kartons geräumt wurden. Sie beobachteten, wie all die Pflanzen, die im Wohnzimmer standen, verschwanden. Die beiden steckten das Laub zusammen und überlegten gemeinsam, was das wohl bedeutete und, noch wichtiger, was es für sie bedeuten würde. Und dann kam der große Moment: Der Topf des Micans wurde erhoben. Da waren sie, die Hände, die so viele Jahre so gut für Nachschub an Wasser und Nahrung gesorgt hatten, die so liebevoll das alte Laub entfernt hatten, die immer so fürsorglich geprüft hatten, ob der Topf noch passte oder ob es langsam eng um die Wurzeln wurde. Was hatten sie nur vor? Sollten Micans und Benjamini etwa auch weg? Wohin würde es gehen? Wie würde es dort sein? Und würden diese liebevollen Hände am Ende sogar die Freundschaft der beiden übersehen oder ignorieren und sie wieder voneinander trennen?
Doch nein. Natürlich nicht. Der Topf des Micans wurde vorsichtig von der Küche geholt und auf den Wurzelbereich des Benjamini gestellt. Natürlich hatten die freundlichen Hände die Freundschaft der beiden gesehen. So traten die beiden Pflanzen, Laub an Laub, Wurzel an Wurzel, eine gemeinsame Reise ins Unbekannte an. Sie wurden in einen großen LKW gebracht – ah, und da waren auch all die fernen Bekannten aus dem Wohnzimmer wieder. Von denen hatte auch keiner eine Idee, wohin es ging. Nur die Fischschwanzpalme flüsterte durch die Menge, dass sie so etwas Ähnliches schon einmal erlebt habe, vor langer Zeit, vor vielen Jahren. Sie erzählte den anderen Pflanzen von ihren Erinnerungen, von ihrem Umzug in die neue Wohnung, von den Veränderungen des Lichts, davon, dass das Wasser nach dem Umzug anders geschmeckt habe. Und viele andere Sachen, die sich Pflanzen so erzählen, wenn sie mehrere Stunden zusammenstehen und sonst nichts zu tun haben. Alle Pflanzen im LKW lauschten gespannt und fassten Hoffnung, dass es in ein noch besseres Zuhause gehen würde.

Dann öffnete sich wieder der LKW und gab den Blick frei auf… Hat das schon mal jemand gesehen? Was sind das für eigenwillige Pflanzen, die da im Boden stecken? Und wie riesig die sind! Sind das etwa Bäume und Sträucher und Gräser? Und was kreist da oben am Himmel? Ist das ein Vogel? Alle Vögel, die sie bisher kannten, waren kaum größer als die geschlossene Hand. Dann war da wieder eine Zimmerdecke; diese erschreckende Weite hatte wieder eine beruhigende Grenze bekommen. Es gab auch wieder Möbel, ein beruhigendes Gefühl, und die Stimmen der Menschen und Tiere, die sie seit Jahren begleiteten, waren auch alle wieder da. Alles wurde wieder irgendwie normaler, nur das Licht war anders.
Micans, Benjamini und all die anderen wurden nach und nach durch die Räume getragen, geschoben und gehoben, und alle fanden nach und nach Ruhe. Über Tage hinweg wurde gerückt, geschüttelt, gedreht, an Töpfe geklopft. Die Erde in den Töpfen setzte sich wieder und umschloss zuverlässig die Wurzeln der Pflanzen – das Schütteln des LKW hatte die Erde doch ziemlich stark aufgerüttelt. Die Pflanzen wurden gedreht, bis sie wieder mit ihren Gesichtern die schönste Aussicht auf die Sonne hatten. Benjamini und Micans bekamen auch eine ruhige Ecke. Diesmal nicht in der Küche; dort wäre zwar Platz gewesen, aber die Ecke wäre für Benjamini nicht geeignet gewesen. Die Ecke im Esszimmer jedoch war toll: Von dort aus konnten Micans und Benjamini das ganze Haus überblicken, hatten sogar Fenster in drei Himmelsrichtungen, aus denen sie hinausblicken konnten, und alle ihre Kameraden aus dem LKW waren in Reichweite, um Erfahrungen mit dem neuen Standort auszutauschen. Die alte, weise Fischschwanzpalme durfte direkt neben den Beiden am Fenster einziehen und Micans wurde von den Wurzeln Benjaminis gehoben und daneben auf ein Schränkchen gestellt.
Dann kam das erste Wasser nach dem Umzug. Und was das für ein Wasser war! Bisher war das Wasser gut; es erfüllte alle Ansprüche, die man sich von Wasser erwartet: sauber, nicht unerträglich viel Kalk und einige willkommene Mineralien, wenig Raum zum Meckern. Aber dieses Wasser! Wenn die Flüssigkeit von früher Wasser war, dann brauchte man hierfür fast einen anderen Namen. Es war so klar, so weich und so absolut kalkarm, dass sich eine den Tropen entstammende Pflanze kaum etwas Besseres erträumen konnte, und so voller köstlicher Mineralien aus altem Gestein. Einfach nur weiches, leckeres und mineralienreiches Wasser. Es war so köstlich, dass alle Pflanzen tranken und tranken, als hätten sie etwas nachzuholen oder als befürchteten sie, dass dies eine einmalige Chance sei. Die Hände kamen aber wieder mit diesem Wasser und verteilten es großzügig, und die Pflanzen beruhigten sich. Sie wurden sich sicher, das ist jetzt für immer so.
So kamen die Pflanzen zur Ruhe, richteten sich neu nach dem Licht aus, das hier so hell und rein war, ließen sich die Sonne und das Wasser schmecken und beobachteten durch die Fenster, wie diese riesigen Vögel, die von den Menschen im Haus Milane genannt wurden, ihre Kreise hoch oben am klarsten und blausten Himmel zogen, den die Pflanzen je gesehen hatten. Sie waren also von der Großstadt aufs Land gezogen und sogar noch besser: in ländliche Berge. Dort, wo die Luft klar und das Wasser rein ist und wo große Bäume die Sicht einrahmen und große Tiere ihre Bahnen ziehen. Und dort durften sie jetzt also für immer bleiben.

Anmerkung der unsichtbaren, gießenden Hand: Diese Geschichte erzählt den wahren Verlauf meines Micans und unseres Umzugs. Inzwischen habe ich Mutterpflanze und Ableger allerdings getrennt und die Mutterpflanze tritt bereits eine neue Reise durch meinen „Xanadu“ an. Der Ableger schmiegt und hangelt sich immernoch um seinen Freund Benjamini und geht inzwischen seinerseits auf Wanderschaft.

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