„Wo soll das noch hinführen?“
Das waren die Worte meiner Mutter bei einer unserer Unterhaltungen. Gemeint mit „das“ war die Zaubernuss in ihrer Straßenhecke. Vor über zwanzig Jahren gepflanzt, brauchte sie seither kaum mehr als eine Handvoll Dünger im Herbst und zwei Rückschnitte im Jahr, damit der Gehweg vor dem Haus frei blieb. Ansonsten war sie das, was man sich von einem Gehölz wünscht: zuverlässig, robust und unauffällig.
Ich wusste sofort, was meine Mutter meinte. Erst wenige Minuten zuvor hatte ich selbst einen längeren Blick auf die Zaubernuss geworfen. Man konnte ihr ansehen, dass sie nicht einfach unter Trockenheit litt. Ihr war schlicht und ergreifend zu warm geworden.
Dabei galt die Zaubernuss zur Zeit der Pflanzung völlig zurecht als geeignet für einen sonnigen Standort. Südseite? Kein Problem. Sonne bis Halbschatten? So steht es bis heute auf vielen Verkaufsschildern.
Nur ist eines anders geworden.
Nicht die Pflanze.
Nicht der Standort.
Sondern die Bedingungen, unter denen beide miteinander auskommen müssen.
Zwanzig Jahre sind vergangen. Und Sommer heute ist nicht mehr Sommer von vor zwanzig Jahren. Ja, auch damals gab es heiße Tage und Hitzespitzen. Aber sie waren Ausnahmen. Heute erleben wir über Wochen Temperaturen, die früher nur kurzzeitig auftraten. Und vor allem treffen sie auf Böden, die längst nicht mehr dieselben sind.
Früher hatten unsere Gärten noch Wasser im Bauch.
Damit meine ich das Wasser, das tief im Boden gespeichert war und den Pflanzen half, auch längere Wärmephasen zu überstehen. Ein paar heiße Tage wurden dadurch nicht sofort zur Durststrecke. Heute fehlt dieser Puffer vielerorts. Regen fällt vielerorts seltener gleichmäßig verteilt, während kurze, heftige Niederschlagsereignisse zunehmen. Was nicht versickern kann, fließt oberflächlich ab. Und was im Boden fehlt, fehlt nicht nur den Pflanzen.
Auch das Bodenleben leidet.
Mikroorganismen, Pilze, Regenwürmer – sie alle brauchen Feuchtigkeit. Bleibt sie über längere Zeit aus, verlangsamen sich ihre Prozesse oder kommen ganz zum Erliegen. Humus wird unter anhaltender Trockenheit deutlich langsamer aufgebaut, während vorhandene organische Substanz vielerorts schneller verloren geht. Die Böden verlieren nach und nach genau das, was sie in trockenen Zeiten so wertvoll macht: ihre Fähigkeit, Wasser zu speichern.
Aus ehemals dunklen, humusreichen Böden werden immer häufiger helle, humusärmere Böden mit einer geringeren Fähigkeit, Wasser und Temperatur auszugleichen. Zurück bleiben die mineralischen Bestandteile der Böden und ergeben somit Böden, die sich in der Sonne stärker aufheizen, schneller austrocknen und damit den nächsten Hitzetag noch schlechter verkraften.
Denn mineralische Bestandteile können Wärme deutlich stärker aufnehmen und speichern als organische Substanz. Was früher ein lebendiger, feuchter und temperaturausgleichender Boden war, wird zunehmend zu einem Boden, der Hitze schneller weitergibt – und damit auch den Wurzelraum der Pflanzen stärker belastet.
Es entsteht ein Kreislauf.
Und genau deshalb hat meine Mutter mit ihrer Frage ungewollt etwas ausgesprochen, das weit über eine einzelne Zaubernuss hinausgeht.
Die Frage lautet nämlich nicht, warum diese eine Pflanze plötzlich schwächelt.
Die eigentliche Frage ist, wie viele Pflanzen wir heute noch genauso auswählen würden wie vor zwanzig Jahren.
Denn der Standort ist derselbe geblieben – und doch ist er es nicht mehr.
Vielleicht müssen wir aufhören, in den alten Kategorien „sonnig“, „halbschattig“ oder „trocken“ zu denken. Vielleicht reicht das längst nicht mehr aus. Eine Südseite mit reflektierender Mauer, aufgeheiztem Boden und ausbleibender Bodenfeuchte ist heute etwas anderes als dieselbe Südseite vor zwei Jahrzehnten.
Der Garten zeigt uns diese Veränderung schon lange.
Wir müssen nur bereit sein, hinzusehen.
Aber hinsehen allein reicht nicht.
Wenn wir erkannt haben, dass sich die Spielregeln verändert haben, müssen wir auch bereit sein, unser gärtnerisches Handeln daran anzupassen.
Wer seine vorhandenen Gehölze möglichst lange vital erhalten möchte, kann ihnen dabei helfen, den Boden wieder zu dem zu machen, was er einmal war: ein Wasserspeicher und Lebensraum zugleich.
Eine der einfachsten Maßnahmen ist das Mulchen.
Und Mulch muss weder teuer sein noch in Säcken aus dem Gartencenter kommen.
Laub, Rasenschnitt, gehäckselter Strauchschnitt oder andere organische Materialien erfüllen denselben Zweck. Sie beschatten den Boden, bremsen die Verdunstung, federn starke Temperaturschwankungen ab und werden nach und nach zur Nahrung für das Bodenleben. Genau dort beginnt die eigentliche Grundlage eines gesunden Gartens.
Denn Pflanzen wachsen nicht allein aus Wasser und Dünger. Sie wachsen auf einem Boden, der lebt.
Jeder Regenwurm, jeder Pilzfaden und jedes Bakterium trägt dazu bei, dass Wasser gespeichert, Nährstoffe verfügbar gemacht und Humus aufgebaut werden können. Schützen wir den Boden, schützen wir deshalb immer auch die Pflanzen darüber.
Dass sich dieser Schutz des Bodens unmittelbar auf den Wasserhaushalt auswirkt, zeigen auch Untersuchungen: Eine geschlossene Mulchschicht kann den Wasserbedarf von Pflanzungen um bis zu 50 Prozent reduzieren. Nicht, weil der Mulch Wasser erzeugt, sondern weil er das vorhandene Wasser deutlich besser im Boden hält. Er schützt die Bodenoberfläche vor direkter Sonneneinstrahlung, verringert die Verdunstung und sorgt dafür, dass sich nächtliche Feuchtigkeit und Tau länger im Wurzelbereich halten können, anstatt mit den ersten Sonnenstrahlen sofort wieder zu verschwinden. Gleichzeitig bleibt der Boden kühler – ein entscheidender Vorteil für Pflanzen und Bodenleben in immer heißer werdenden Sommern.
Vielleicht werden wir damit die Sommer der Zukunft nicht kühler machen.
Aber wir können dafür sorgen, dass unsere Gärten besser mit ihnen zurechtkommen.
Und genau darin liegt für mich modernes Gärtnern: Nicht gegen die Veränderungen anzukämpfen, sondern den Garten so zu unterstützen, dass er ihnen möglichst viel entgegensetzen kann.
Wer seinen Garten neu anlegen oder umgestalten möchte, kann aus diesen Veränderungen ebenfalls eine wichtige Erkenntnis mitnehmen.
Pflanzenschilder und Pflanzenkataloge sind eine wertvolle Orientierung – mehr aber auch nicht. Die Angaben zu Standort und Wasserbedarf beschreiben in erster Linie die grundsätzlichen Ansprüche einer Pflanze. Sie können jedoch nicht jedes Mikroklima berücksichtigen.
Denn „vollsonnig“ ist nicht gleich „vollsonnig“.
Eine nach Süden ausgerichtete Pflanzfläche vor einer hellen Hauswand stellt ganz andere Anforderungen als ein sonniger Platz am Waldrand. Ein Garten in einer windgeschützten Senke verhält sich anders als ein Grundstück, das – wie bei mir – den heißen und trockenen Westwind nahezu ungebremst abbekommt. Dort stoßen selbst Pflanzen an ihre Grenzen, die laut Etikett Sonne und Trockenheit gut vertragen sollten.
Genau deshalb empfehle ich bei Neuanlagen immer das Gespräch mit einem erfahrenen Gärtner oder einer guten Baumschule. Eine Beratung direkt vor Ort kostet oft weit weniger als eine spätere Umpflanzung oder der Ersatz eingegangener Pflanzen.
Denn kein Pflanzenschild kennt deinen Garten.
Es kennt weder den Boden, noch die Windverhältnisse, die Wärmespeicherung einer Mauer oder die Trockenheit eines Sommers. Diese Besonderheiten lassen sich nur im Gespräch berücksichtigen – und genau darin liegt der Wert einer guten Beratung.
Die besten Pflanzen sind schließlich nicht die, die auf dem Etikett am robustesten wirken, sondern die, die zu genau diesem einen Garten passen.
Und um die Frage meiner Mutter nicht unbeantwortet zu lassen:
Es muss zu einem Umdenken führen. Zu einem neuen Blick auf alte Umstände.
Denn nicht alles, was sich verändert, können wir beeinflussen. Wie wir darauf reagieren, hingegen schon.
Vielleicht ist genau jetzt die Zeit, den Garten noch genauer zu beobachten, den Boden besser zu schützen und Pflanzen nicht mehr nur nach Etikett, sondern nach den tatsächlichen Bedingungen vor Ort auszuwählen.
Der Garten verlangt heute andere Antworten als noch vor zwanzig Jahren.
Geben wir sie ihm.

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