Der Garten hinter der Welt

Der Nachmittag lag warm über Hederahausen, ein milchiges Licht, das die Farben weich machte. Calvin kam den Weg entlang, ein Buch unter dem Arm, und blieb stehen, sobald er Dianas Garten sah.

Diana kniete zwischen den Stauden. Nicht arbeitend. Nicht ruhend.

Ihre Hände lagen im Grün, als hätten sie mitten in einer Bewegung den Faden verloren. Zwei Finger berührten ein Blatt, so zart, als lauschten sie seinem Herzschlag. Ihr Blick war offen, aber nicht auf die Welt gerichtet – eher durch sie hindurch, als sähe sie etwas, das hinter allem lag.

Die Luft um sie herum wirkte dichter, fast schimmernd. Nicht magisch – aber anders. Ein stiller Raum, der sich um sie legte wie ein Schleier.

Corten, die rostrote Katze, saß auf dem flachen Stein neben ihr. Ihr Fell glühte im Licht, und ihre Augen waren halb geschlossen, doch wachsam. Sie wirkte wie ein Tier, das wusste, dass Diana gerade aus der Welt getreten war – nicht fort, sondern nur… jenseits. Ein Atemzug entfernt. Ein Schritt hinter dem Sichtbaren.

Calvin hob die Hand. „Hallo Diana!“

Seine Stimme fiel in den Garten wie ein Tropfen in tiefes Wasser. Keine Welle. Keine Reaktion.

Diana rührte sich nicht. Nicht einmal die Wimpern. Sie war da – und zugleich in einem Zwischenraum, den nur sie betreten konnte.

Ivy, die gegenüber in ihrem Vorgarten Unkraut zupfte, sah kurz auf. „Lass es, Junge“, sagte sie, ohne aufzustehen. „Sie hört dich nicht.“

Calvin runzelte die Stirn. „Aber… sie ist doch direkt da.“

„Ihr Körper, ja.“ Ivy schnaubte leise. „Aber der Rest? Der wandert gerade. Wenn Diana so kniet, ist sie im Garten selbst. Nicht auf der Erde, sondern…“ Sie suchte kurz nach einem Wort, fand aber keines. „…wo auch immer sie hingeht.“

Calvin trat näher an den Zaun, unsicher. „Ist das nicht… irgendwie gefährlich? So ganz weg?“

Ivy schnaubte leise, aber nicht unfreundlich. „Gefährlich?“ Sie nickte zu Corten hinüber, die nun mit einem einzigen, langsamen Blinzeln zu ihnen sah. „Solange Corten und der Garten auf sie aufpassen, passiert Diana nichts. Die beiden wissen genau, wo sie ist.“

Calvin folgte Ivys Blick.
Corten saß da wie ein kleiner, rostfarbener Wächter.

Corten öffnete die Augen ganz und fixierte Calvin. Ein stiller, unmissverständlicher Blick:

Stör das nicht.

Calvin trat einen Schritt zurück. Und plötzlich verstand er, ohne es erklären zu können: Diana war nicht abwesend. Sie war an einem Ort, den nur der Garten kannte.



Geschrieben von:

Schlagworte:

Themenkategorien:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert